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I GO BACK HOME• Jimmy Scott • Eine Filmdokumentation von Ralf Kemper

Fr. 9. November 2018 • 20:00 Uhr • FORUM Merzhausen

Anschließend Ralf Kemper im Gespräch mit Peter Disch (Badische Zeitung)


Hätte der Düsseldorfer Musikproduzent Ralf Kemper gewusst, auf was er sich da einlässt, er hätte es wahrscheinlich gleich bleiben lassen. Das wäre schade gewesen. Dann gäbe es "I Go Back Home" nicht, das wundervolle Album des großartigen amerikanischen Jazzsängers Jimmy Scott, der 2014 mit 88 Jahren starb.

 

Die Geschichte von Scotts letzter Platte spiegelt sein Leben. 

Auch der gleichnamige Film wäre nie gedreht worden. Er dokumentiert die Entstehung der Platte, die sich von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung am Freitag acht Jahre zog. Allein in die Produktion steckte Kemper eine viertel Million Euro, erzählt er am Telefon. Er verkaufte sein Studio. Weil er Geld brauchte. Aber auch, um sein früheres Leben als erfolgreicher Komponist von Werbejingles endgültig hinter sich zu lassen. "Eine Art von Burnout" hielt das Projekt zwei, drei Jahre auf. Und als endlich alles fertig war, gründete er eine eigene Plattenfirma, um "I Go Back Home" so veröffentlichen zu können, wie er sich das vorstellte. Mit aufwändiger Hülle und Booklet und ohne sämtliche Rechte abzutreten. Denn das wäre der Preis für die Zusammenarbeit mit einem Großen der Branche gewesen.

 

Wahrscheinlich musste das so sein. Denn die Geschichte von Scotts letzter Platte spiegelt die Geschichte seines Lebens, das von Schicksalsschlägen und schreiender Ungerechtigkeit geprägt war, das ihm spät die lang vermisste Wertschätzung und ein wenig Glück brachte, aber kein Happy End bescherte.

 

Ein fragiler, zarter Junge mit der Stimme eines Engels. 

 

Jimmy Scott kommt 1925 in Cleveland als drittes von zehn Kindern zur Welt. Die Mutter stirbt, als er 13 Jahre alt ist. Die Kinder müssen ins Waisenhaus. Ein seltener genetischer Defekt sorgt dafür, dass Jimmy nie in die Pubertät kommt, der Stimmbruch bleibt aus. Die Laune der Natur macht den fragilen, zarten Jungen zum Außenseiter, verleiht ihm aber die Stimme eines Engels. 1949 holt ihn Lionel Hampton in seine Big Band. Für die Jazzlegende singt Jimmy Scott den Hit "Everybody’s Somebody’s Fool".  Auf der Platte tauchte sein Name nicht auf.

 

Scott verlässt Hamptons Band einige Jahre später. Knapp bei Kasse, benebelt vom Alkohol, unterschreibt er Knebelverträge. Die Quittung kommt 1963. Der große Ray Charles hatte mit Scott das Album "Falling In Love Is Wonderful" aufgenommen. Die Platte wäre der Durchbruch gewesen. Eine Woche nach der Veröffentlichung auf Charles’ Tangerine-Label sorgt Scotts alte Plattenfirma dafür, dass sie vom Markt genommen wird.

 

Acht Alben nimmt Scott bis 2003 auf

Die Exemplare, die bis dahin verkauft worden waren, zählten lange zu den teuersten und gesuchtesten Sammlerstücken des Jazz. Scott aber hört 1970 auf zu singen, arbeitet als Pfleger und Hotelpage. Er verschwindet in der Versenkung – bis er 1991 am Grab von Doc Pomus singt, dem Autor von Evergreens wie Elvis Presleys "Viva Las Vegas". Der Chef einer großen Plattenfirma ist unter den Trauergästen. Der Legende nach gibt er Scott einen Tag später einen Vertrag.

Nun stellt sich der Erfolg ein, der ihm so lange verwehrt geblieben war. Acht Alben nimmt er bis 2003 auf. Danach ist er ohne Vertrag, tritt aber regelmäßig auf. Die Fangemeinde ist klein, aber groß genug. Wer einmal diese Stimme gehört hat, die jeden zu Tränen rührt, der ein Herz hat, der bleibt ihr treu.

 

Als Scott ins Studio geht, blüht er auf

So geht es auch Ralf Kemper, der Scott 2006 in Mailand erlebt und sich danach in den Kopf setzt, dessen Musik "so in Szene zu setzen, wie er es verdient hätte." Enthusiastisch und ganz schön naiv, wie er heute gerne zugibt, macht sich Kemper 2009 auf den Weg zu Scott nach Las Vegas – und findet einen hinfälligen Mann im Rollstuhl vor, der einen Tag zuvor an einer offenen Wunde fast verblutet wäre. Die Szene, in der Kemper begreift, wie es um den Sänger steht, gehört zu den stärksten des Films. Aber weil er nicht will, dass Scott in Vergessenheit gerät, gibt er ihn nicht auf. Und das Wunder geschieht: Als Scott ins Studio geht, blüht er auf.  Die Doku zeigt, wie er die Ballade "The Nearness Of You" singt. Mit jeder Zeile wird er sicherer – am Ende der ersten Aufnahme ist die Magie zurück.

Die meisten der nun veröffentlichten zwölf Songs, darunter "Motherless Child", "Someone To Watch Over Me" und der alte Hampton-Hit begleiteten Scott schon immer. Veredelt werden sie von Gästen wie dem Trompeter Till Brönner, der Sängerin Dee Dee Bridgewater oder dem Organisten Joey DeFrancesco.
So ist "I Go Back Home" die Art von Vermächtnis geworden, die Kemper im Sinne hatte. Die Platte ist aber auch der traurige Schlussakkord eines ungerechten Lebens. Im Standard "Folks On The Hill" besingt Scott den Traum vom Lebensabend im hübschen Häuschen oben am Berg. In der Realität bekam er nach einem Unfall 2007 keine Auftritte mehr. Die Gagen fehlten. Pflege und Hypothek fraßen das Ersparte auf. Seine Witwe Jeanny stand vor der Räumung. Kürzlich ist sie zurück zu Verwandten gezogen. Um sich das leisten zu können, startete sie eine Crowdfunding-Kampagne. Den Rest haben Gönner bezahlt.

Dieser Text wurde mit freundlicher Genehmigung der Badischen Zeitung • Autor: Peter Disch • veröffentlicht.


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